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Wortakrobatik - ohne Netz und doppelten Boden

von Karin und Patrick Menges

Liebe Damen und Herren, sehr verehrte Kinder!

 

Nun kommt eine Akrobatik der besonderen Art, die ist nicht zum Ansehen, sondern zum Anhören. Wisst Ihr was passiert, wenn Worte mal ausgesprochen sind? Dann beugen sie sich und dehnen sich. Sie geistern in den Köpfen herum und vollführen Wortgefechte – das ist Zirkus pur. Ausgesprochene Worte im Zirkus – das wird ausgesprochen – spannend! Hört selbst:

 

Erstmal heißt es anstellen. Ganze Wortfamilien stehen schon vor den Kassenhäuschen an der Sprachbarriere, Semikolonnen warten auf den Einlass, doch es geht nicht weiter, weil ein Zeitadverb behauptet, es sei in anderen Umständen und ein älterer Herr mit Hypothese einen bequemeren Platz beansprucht. Ein wütendes Subjekt mit seinem blonden Verhältniswort wird ungeduldig und drängelt sich nach vorne. „Entschuldigung, wenn das hier noch länger dauert, dann falle ich gleich in ein künstliches Komma.“ Bestimmt schiebt die Kassiererin es zurück ins letzte Satzglied mit dem Hinweis: „Hier geht es streng nach dem Alphabet.“

„Schmarrn!“ schreit ein Dialekt aufgeregt „i steh` hier scho stundenlang saubled rum und kimm ma vor ois wia a Fremdwort zwoater Klass’n.“

 

Bei den anderen Zirkusbesuchern geht es da modaler zu. Eine Gruppe kleiner Satzpartikel betritt aufgeregt mit ihrer Konsonante das Foyer und steht unbestimmt herum, bis sie ein Begleiter an die richtigen Plätze führt.

Auf den billigen Rängen stören unregelmäßige Verben die Umsitzenden – he du, nimm dein Pronomen aus meiner Parenthese. Schon werden sie zu Fußnoten degradiert.

 

Da geht das Licht aus. Das Orchester beginnt mit einer syntaktischen Folge von Fugenzeichen und schließt seine neueste Komposita an: eine Interpretation von Dudens 4. Tonfall. Dann ein Tusch. Der Imperativ betritt als Direktor die Manege: „Meine sehr verehrten Haupt- und Nebensätze, ich verspreche Ihnen einen Abend der Steigerungen und Superlative. Den Ablauf des Programms entnehmen Sie bitte ihrem Lexikon.“

 

FĂĽr die erste Nummer sucht ein finster dreinblickender Terminus Technikus ein freiwilliges Objekt aus dem Publikum, das auf einer Zielscheibe festgeschnallt wird. Mit verbundenen Augen wirft er dann bei Trommelwirbel spitze Bindestriche, die aufs i-TĂĽpfelchen genau ins Ziel gehen.

 

Im Anschluss sehen wir Wortakrobatik der Extraklasse. Ein Hauptsatz und drei Nebensätze wagen eine noch nie da gewesene Konjunktion ohne Bindewort – unglaublich. Das Publikum ist begeistert, schreit in die Manege „Pass auf, geh nie tief“. Doch das Kunststück gelingt. Ein Ausrufesatz der Erleichterung geht durch die Menge. „Bravo!“ rufen die Interjektionen.

 

Danach folgt eine Dressur mit zehn andalusischen Metaphern, die eine stehende Redewendung bilden. Dazu vollfĂĽhrt ein Pleonasmus KunststĂĽcke auf einem weiĂźen Schimmel.

 

Als ein ziemlich scharfes S die Manege betritt, tönen begeisterte Umlaute durch die Reihen. Vor den Augen des staunenden Publikums vollführt das scharfe S eine äußerst gewagte Silbentrennung – und verlässt als doppeltes S die Bühne.

 

Der Direktor kündigt einen weiteren Wortschatz an: Ein starker Plusquamperfekt zerschlägt mit bloßer Vorsilbe einen Wortstamm. (Dann balanciert er auf einem Langen-Scheidt einen zackigen Infinitiv und verlässt präpositional zum Publikum die Manege.)

 

Vor der Pause verben Tunwörter für eine Litera-Tour durch die angrenzenden Wortfelder oder einen Ritt auf einem Fabelwesen. Studentische Hilfsverben gehen durch die Reihen und verkaufen Semikola und Schoko-Artikel. In den Logen bietet ein Rosenverkäufer Stilblüten an.

 

Nach der Pause folgt ein weiterer Höhepunkt mit den drei lateinischen Clowns Numerus, Casus und Genus, die es mit ihren idiomatischen Wendungen bereits zu Ruhm in der Sprachwelt gebracht haben.

 

Das Fremdwort aus dem Cirque du Soleil vollführt einen Reigen Stabreime, wird aber aufgrund seines starken Akzentes nicht verstanden. Dann erleidet es bei einer ungewöhnlichen Wortstellung auch noch einen Zeilenumbruch. Oh nein! Das Fremdwort gibt kein Lesezeichen mehr von sich! Doch die Rettungssanitexter stehen schon bereit und können durch eine Interjektion mit einer Satzklammer schnelle Hilfe leisten.

 

Für zauberhafte Momente sorgt der große Magier Dativ Copperfield, der mehrfach mit einer Buchstabenkette gebunden und in einen undurchsichtigen Schachtelsatz gepackt wird. Ein Teekesselwort schüttet kochendes Wasser hinein, bis alle Satzglieder bedeckt sind. Wie durch ein Wunder erhebt sich Dativ Copperfield nur zwei Zeilen später unverletzt. Die Zuschauer sind begeistert.

 

Spektakulär auch die nächste Nummer: drei fliegende Apostrophe, die in schwindelerregender Höhe auf dem Trapez tollkühne Parolen vollführen. Während ein Anführungszeichen unten wortgewaltige Salti schlägt, hält sich das Anführungszeichen oben am Seil. Dem Publikum stockt der Atem, doch alles geht gut.

 

Den Abschluss der Vorstellung bilden die siamesischen Doppellaute Singular und Plural, die sich betont einsilbig geben. In einem aberwitzigen Rededuell kommt es zu einem Schlagabtausch persönlicher Fürwörter.

 

Viel zu schnell geht der Abend dann zu Ende. Der Direktor ruft noch einmal alle Artikel in die Manege, sie beugen sich und drehen eine Schlussrunde. Mit einem donnernden Ablativ verleiht das Publikum dieser Zirkusvorstellung das Prädikat: besonders wertvoll.

9. Mai 2009




 
   
 
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